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Praxis-Guide

Revisionsverfolgung in Lastenheften: Änderungen zwischen Versionen automatisch erkennen und Arbeit übertragen

Wenn der Besteller eine neue Lastenheft-Revision schickt, beginnt die Arbeit von vorn — oder? Wie Delta-Erkennung, Baselining und strukturierte Änderungsverfolgung den Prozess retten. Mit Boehms Kostenkurve, VDB-Leitfaden, EN 50126, ISO 22163:2023 und ReqIF-Benchmarks.

tendric Redaktion18. Dezember 202516 Min. Lesezeit

Einleitung

Wenige Szenarien lösen bei Angebotsmanagern so viel Unbehagen aus wie die Nachricht: „Es gibt eine neue Revision des Lastenhefts.“ Wer bereits Wochen in die Klassifizierung, Expertenzuweisung und Beantwortung von hunderten Anforderungen investiert hat, steht vor einer kritischen Frage: Was hat sich geändert, und wie viel der bisherigen Arbeit kann übernommen werden?

Der europäische Schienenfahrzeugmarkt ist laut der UNIFE World Rail Market Study 2024 EUR 63,3 Milliarden schwer, mit 7,3% jährlichem Wachstum in Westeuropa. Jedes dieser Beschaffungsprojekte beginnt mit einem Lastenheft, und nahezu jedes Lastenheft wird im Verlauf der Angebotsphase mindestens einmal revidiert. Bei großen SPNV-Ausschreibungen liegen zwischen der Erstveröffentlichung und dem Vertragsabschluss nicht selten drei bis fünf Revisionen, ausgelöst durch Bieterrückfragen, regulatorische Änderungen, politische Entscheidungen oder Streckenanpassungen.

Barry Boehm zeigte bereits 1981 in Software Engineering Economics, dass die Kosten einer Anforderungsänderung exponentiell steigen, je später sie erkannt wird: von Faktor 1 in der Anforderungsphase auf Faktor 10 bis 100 in der Produktion. In der Bahnindustrie ist das noch zugespitzter. Wer eine geänderte Anforderung in der Angebotsphase übersieht, riskiert Nacharbeit und eine Compliance-Lücke, die im schlimmsten Fall die Zulassung gefährdet.

Im Folgenden: wie Revisionsverfolgung in der Praxis funktioniert, warum sie regulatorisch verpflichtend ist, wo es hakt und welche Werkzeuge helfen.

Warum Lastenhefte revidiert werden

In der Bahnindustrie sind Lastenheft-Revisionen die Regel, nicht die Ausnahme. Die Gründe:

  • Bieterrückfragen: Anbieter stellen während der Angebotsphase Verständnisfragen oder weisen auf Widersprüche hin. Der Besteller beantwortet diese gesammelt und veröffentlicht ein überarbeitetes Lastenheft. Das Corrigendum (Berichtigung) korrigiert dabei Fehler im Originaldokument, während ein Addendum neue Inhalte oder Bedingungen hinzufügt, die im Original nicht enthalten waren. Beide erzeugen eine neue Revision.
  • Regulatorische Änderungen: Zwischen der Lastenheft-Erstellung und der Angebotsabgabe werden TSI-Revisionen oder neue EN-Normen verabschiedet. Der Besteller aktualisiert die Normenreferenzen. Allein die ERA definiert 11 verschiedene TSIs für Schienenfahrzeuge, und eine Änderung in einer davon kann dutzende Anforderungen im Lastenheft betreffen.
  • Politische oder finanzielle Änderungen: Budgetkürzungen, Streckenanpassungen, neue Anforderungen an Barrierefreiheit (TSI PRM) oder veränderte Betriebskonzepte führen zu inhaltlichen Änderungen am Anforderungskatalog. Bei der Studie des Europäischen Parlaments (2023) zur Wettbewerbsfähigkeit der Bahnindustrie wurde dokumentiert, dass in Deutschland vom Wettbewerbsaufruf bis zur Serienproduktion typischerweise 7 bis 8 Jahre vergehen. Ein Zeitraum, in dem sich politische Prioritäten mehrfach verschieben können.
  • Nationale Fragmentierung: Unterschiedliche nationale Standards erzeugen Interpretationsspielräume. Wie der CONTACT Software Blog dokumentiert, leiten verschiedene Besteller aus denselben Normen unterschiedliche Anforderungen ab. Wenn ein Besteller diese Inkonsistenzen bemerkt, folgt eine Revision.
  • Redaktionelle Korrekturen: Tippfehler, fehlende Anforderungs-IDs, inkonsistente Querverweise; auch kleinere Korrekturen erzeugen eine neue Revisionsnummer.
Die Herausforderung: Gemischte Änderungen
In der Praxis enthält eine einzelne Revision typischerweise alle Änderungstypen gleichzeitig: substanzielle inhaltliche Änderungen (neue Anforderungen, gelöschte Anforderungen, geänderte Verbindlichkeitsstufen) stehen neben redaktionellen Korrekturen (Tippfehler, Formatierung). Die Schwierigkeit liegt darin, die substanziellen Änderungen zuverlässig von den kosmetischen zu trennen.

Die Kosten schlechter Revisionsverfolgung

Was passiert, wenn die Revisionsverfolgung nicht funktioniert? Die Kosten tauchen an drei Stellen auf:

  • Direkte Nacharbeit: Wer Änderungen übersieht und auf Basis einer veralteten Anforderung arbeitet, produziert Ergebnisse, die nach Entdeckung des Fehlers komplett neu erstellt werden müssen. Bei einem Lastenheft mit 1.000+ Anforderungen und 15–30 beteiligten Subsystem-Teams kann eine einzige übersehene substanzielle Änderung Wochen an Nacharbeit verursachen.
  • Compliance-Risiko: EN 50126 verlangt lückenlose Rückverfolgbarkeit jeder Anforderungsänderung über den gesamten RAMS-Lebenszyklus. Fehlt die Änderungsdokumentation, gefährdet das das aktuelle Angebot und die spätere Zulassung des Fahrzeugs durch die Benannte Stelle (NoBo).
  • Vertragsrisiko: Compliance-Zusagen im Pflichtenheft, die auf einer älteren Lastenheft-Revision basieren, können bei der Bewertung zu Abwertungen oder im schlimmsten Fall zum Ausschluss führen. Die UNIFE-Prioritäten 2024–2029 betonen das MEAT-Prinzip (Most Economically Advantageous Tenders) mit Lebenszykluskosten, und Inkonsistenzen in der Compliance-Matrix werden bestraft.

Die Anzahl der Anforderungen, die bei der Lastenheftbearbeitung kommentiert werden müssen, hat sich in den letzten zehn Jahren mindestens verzehnfacht.

Manager eines Bremssystemherstellers, CONTACT Software Blog (2014)

Quelle: CONTACT Software, Bummelzug zum Anforderungsmanagement

Eine Analyse aus dem australischen Bahnsektor beziffert das Einsparpotenzial durch frühzeitige Klärung und strukturiertes Anforderungsmanagement auf bis zu 30% der Projektkosten. Umgekehrt bedeutet das: Wer Revisionen schlecht verfolgt und Änderungen spät erkennt, riskiert erhebliche Budgetüberschreitungen durch vermeidbare Nacharbeit.

0 Mrd. €
Rolling-Stock-Markt
Europäischer Schienenfahrzeugmarkt (UNIFE WRMS 2024)
0%
Einsparpotenzial
Durch frühzeitige Klärung und strukturiertes Anforderungsmanagement
0x
Kostenfaktor
Kosten einer spät erkannten Anforderungsänderung vs. früh erkannt (Boehm)

Was eine Revision für die laufende Arbeit bedeutet

Wenn ein Angebotsmanager die Revision eines Lastenhefts erhält, muss er mehrere Entscheidungen in einer definierten Reihenfolge treffen. Das INCOSE Systems Engineering Body of Knowledge (SEBoK) definiert den Prozess so: Sobald Anforderungen „defined, assessed, and approved“ sind, werden sie als Baseline eingefroren. Jede Änderung muss dann „rationale why the change is necessary“ enthalten und über die gesamte Architekturhierarchie „including suppliers“ bewertet werden.

Übersetzt in den Alltag eines Angebotsmanagers:

1
Delta identifizieren

Welche Anforderungen sind neu? Welche wurden gestrichen? Welche wurden inhaltlich verändert? Welche sind identisch geblieben? Ohne diese Analyse ist jede weitere Arbeit blind. Bei großen Lastenheften (1.000+ Anforderungen) kann allein dieser Schritt bei manuellem Vorgehen mehrere Personentage kosten.

2
Bisherige Arbeit zuordnen

Für unveränderte Anforderungen kann die bisherige Klassifizierung, der Expertenkommentar und die Quellenangabe übernommen werden. Für geänderte Anforderungen muss entschieden werden: Neubearbeitung oder Anpassung? Diese Entscheidung hängt davon ab, ob die Änderung substanziell (neue technische Anforderung, geänderte Norm-Referenz) oder redaktionell (Umformulierung ohne inhaltliche Auswirkung) ist.

3
Neue Anforderungen einschleusen

Neue Anforderungen müssen in den bestehenden Workflow eingegliedert werden: LH-Kategorie zuordnen, Fachexperten zuweisen, Bearbeitungsfrist setzen. Bei einer Revision mit 50+ neuen Anforderungen kann das allein mehrere Tage Routing-Arbeit bedeuten.

4
Gelöschte Anforderungen bereinigen

Gestrichene Anforderungen müssen als obsolet markiert werden — aber nicht gelöscht, da die Historie für die Nachvollziehbarkeit erhalten bleiben muss. EN 50126 verlangt die lückenlose Dokumentation auch für entfallene Anforderungen.

5
Konsistenz und Kaskadenanalyse

Änderungen an einer Anforderung können Auswirkungen auf benachbarte Anforderungen haben (Querverweise, Schnittstellenanforderungen). Diese Kaskaden müssen erkannt werden. Jama Software nennt diesen Prozess Change Impact Analysis: Downstream-Elemente werden als „suspect“ markiert, damit Experten die Auswirkungen prüfen können.

Der manuelle Vergleich: Warum er nicht skaliert

Der naheliegendste Ansatz zur Delta-Erkennung ist der manuelle Vergleich: Beide Dokumentversionen nebeneinander öffnen und Zeile für Zeile prüfen. Bei einem Lastenheft mit 20 Anforderungen mag das funktionieren. Bei einem typischen SPNV-Lastenheft ist dieser Ansatz nicht praktikabel.

Das CONTACT Software Blog dokumentierte bereits 2014, dass die Spezifikationsunterlagen einer einzigen Ausschreibung „von einer CD auf eine DVD angewachsen“ waren. Seitdem hat sich das Volumen weiter erhöht. Der manuelle Vergleich zweier Versionen eines Dokuments dieser Größe ist zeitaufwändig und fehleranfällig. Wer stundenlang Zeile für Zeile zwei Excel-Tabellen abgleicht, übersieht Dinge. Das ist keine Schwäche, das ist menschlich.

Manuelle Delta-Erkennung
Strukturierte Delta-Erkennung
Beide Dokumentversionen nebeneinander lesen (Word, PDF oder Excel)
Automatischer Abgleich auf Basis eindeutiger Anforderungs-IDs
Zeile für Zeile vergleichen — anfällig für Übersehen von Änderungen
Kategorisierung: neu / gestrichen / inhaltlich geändert / unverändert
Geänderte Formulierungen manuell markieren und bewerten
Detailanzeige der Textänderungen pro Anforderung (Diff-Ansicht)
Kein systematischer Überblick über Umfang und Art der Änderungen
Quantitativer Überblick: 47 neu, 12 gestrichen, 83 geändert, 858 unverändert
Bei 1.000+ Anforderungen: mehrere Personentage Aufwand allein für den Vergleich
Bei 1.000+ Anforderungen: KI-gestützte Erstanalyse als Ausgangsbasis für Experten
Keine dauerhafte Änderungshistorie — bei der nächsten Revision beginnt alles von vorn
Kumulative Änderungshistorie über alle Revisionen hinweg

Selbst wenn ein Besteller ein Revisionsprotokoll mitliefert (was nicht immer der Fall ist), bleibt das Risiko, dass das Protokoll unvollständig ist. Erfahrene Angebotsmanager wissen: Vertraue dem Delta, nicht dem Begleitschreiben.

Der ID-basierte Vergleich: Das Fundament

Die zuverlässigste Methode zur Delta-Erkennung basiert auf eindeutigen Anforderungs-IDs. Jede Anforderung im Lastenheft hat eine stabile ID (z. B. REQ-LH3-0147), die über Revisionen hinweg erhalten bleibt. Der Vergleichsalgorithmus ist dann einfach:

  • ID in Rev. B vorhanden, nicht in Rev. A → Neue Anforderung
  • ID in Rev. A vorhanden, nicht in Rev. B → Gelöschte Anforderung
  • ID in beiden vorhanden, Text identisch → Unverändert (Arbeit übertragbar)
  • ID in beiden vorhanden, Text unterschiedlich → Geändert (Prüfung erforderlich)

Dieser Ansatz setzt voraus, dass der Besteller stabile IDs verwendet, was der VDB-Leitfaden Anforderungsmanagement ausdrücklich empfiehlt. Der Leitfaden standardisiert den Erstellungs-, Austausch- und Kommentierungsprozess von Spezifikationen zwischen Bestellern, Fahrzeugherstellern und Zulieferern. Er sieht den elektronischen Austausch im ReqIF-Format vor und formuliert explizit: Bei Nutzung des ReqIF-Dateiformats können „neue Einträge und Änderungen sofort durch automatisierte Markierung erkannt werden, wodurch Zeitverluste durch aufwändige Abgleiche mit vorherigen Arbeitsständen vermieden werden.“

Der VDB-Leitfaden empfiehlt zudem, die Kompatibilität der ReqIF-Implementierungen vorab zu prüfen, ein Hinweis darauf, dass die Interoperabilitätsprobleme real sind. Der ProSTEP iViP ReqIF Implementor Forum hat bis 2024 insgesamt sechs Benchmarks durchgeführt, der jüngste umfasste 56 Systemkombinationen und 2.800 Evaluierungskriterien. Trotz dieser Fortschritte bleiben Vendor-spezifische Erweiterungen und Versionsinkompatibilitäten eine Herausforderung.

Wenn IDs sich ändern
Nicht alle Besteller halten sich an stabile IDs. Manchmal werden bei einer Revision Anforderungen umstrukturiert und dabei neu nummeriert. In diesem Fall ist ein ID-basierter Vergleich unmöglich, und es bleibt nur der Textabgleich, der deutlich fehleranfälliger ist. Dies ist eines der stärksten Argumente für den VDB-Standard: Wenn Besteller und Anbieter sich auf stabile IDs und ReqIF einigen, wird Revisionsverfolgung ein lösbares Problem. Der VDB-Leitfaden betont, dass der Geltungsbereich zwar primär die Angebots- und Klärungsphase umfasst, die Methodik aber ausdrücklich auch auf weitere Phasen und stationäre Bahnanlagen anwendbar ist.

EuroSpec und EN 15380: Attribute für die Änderungsverfolgung

Die EuroSpec-Initiative (European Specification for Railway Vehicles) hat in ihrer Requirements Management Spezifikation (Version 3.0) ein Attributmodell für Anforderungen definiert. Die Spezifikation deckt sechs Bereiche ab: Anforderungsmerkmale, Syntax, Attribute, Rückverfolgbarkeit, Validierung/Verifikation und Datenaustausch. Für die Revisionsverfolgung sind vor allem diese Attribute relevant:

  • ID: Eindeutige, stabile Kennung der Anforderung
  • Status: Aktueller Bearbeitungsstatus im Lebenszyklus
  • Change History: Dokumentierte Änderungshistorie mit Zeitstempel und Beschreibung
  • Source: Ursprung der Anforderung (Besteller, Norm, internes Dokument)
  • Traceability: Verknüpfung zu verwandten Anforderungen, Nachweisen und Risiken
  • Comments: Freitext-Kommentare zur Änderungsbegründung

EuroSpec strukturiert Anforderungen dabei nach EN 15380-5, dem europäischen Standard für die System Breakdown Structure (SBS) von Schienenfahrzeugen. Die EN 15380-Serie umfasst mehrere Teile: Teil 2 (Produktgruppen), Teil 4 (Funktionsgruppen) und Teil 5 (Systemstruktur). Diese Strukturierung ermöglicht es, Änderungen nicht nur auf Einzelanforderungsebene, sondern auch auf Subsystemebene nachzuverfolgen: „In LH3 (Antrieb) gab es 12 Änderungen, in LH6 (Innenausbau) keine.“

In der Praxis heißt das: Wenn eine Revision 47 geänderte Anforderungen enthält, aber 40 davon auf LH5 (Bremssysteme) entfallen und nur 7 auf andere Subsysteme, können die Experten gezielt benachrichtigt werden. Ohne subsystembasierte Aggregation muss jeder Experte die gesamte Delta-Liste durchgehen. Bei 15 bis 30 beteiligten Teams frisst das Zeit.

Regulatorischer Rahmen: EN 50126, ISO 22163 und INCOSE

Revisionsverfolgung ist auch eine regulatorische Anforderung. Mehrere Standards fordern sie gleichzeitig, mit teilweise überlappenden Anforderungen.

CENELEC EN 50126: RAMS-Lebenszyklus und Konfigurationsmanagement

Die CENELEC EN 50126 definiert den RAMS-Lebenszyklus (Reliability, Availability, Maintainability, Safety) für alle Bahnanwendungen. Der Standard verlangt in jeder Lebenszyklusphase dokumentiertes Konfigurationsmanagement: Jede Änderung an einer Anforderung muss dokumentiert, genehmigt und rückverfolgbar sein, von der Konzeptdefinition bis zur Außerbetriebnahme.

Das beginnt bereits in der Angebotsphase, nicht erst in der Entwicklung. Die dort getroffenen Compliance-Zusagen bilden die erste Baseline für das spätere Projekt. Wenn diese Baseline auf einer veralteten Lastenheft-Revision basiert, entstehen Inkonsistenzen, die bei der Prüfung durch die Benannte Stelle (NoBo) auffallen. Wie LDRA zusammenfasst: Die EN 5012x-Normenfamilie verlangt Rückverfolgbarkeit zwischen allen Entwicklungsartefakten. Eine Kette, die bei der Anforderungsbaseline beginnt.

ISO 22163:2023 (IRIS Rev. 04): Konfiguration und Änderungskontrolle vereint

Die ISO 22163:2023 wurde im Juli 2023 als vollwertige internationale Norm veröffentlicht (zuvor existierte sie als Technical Specification ISO/TS 22163:2017). Die zentrale strukturelle Neuerung: Die bisherigen Unterabschnitte 8.1.4 „Konfigurationsmanagement“ und 8.1.5 „Änderungsmanagement“ wurden in einem gemeinsamen Unterabschnitt 8.1.4 „Konfigurationsmanagement und Änderungskontrolle“ zusammengefasst.

Diese Zusammenlegung ist mehr als kosmetisch. Die Norm behandelt Änderungsverfolgung jetzt als Teil der Konfiguration, nicht als separaten Prozess. Die IRQB Guideline 8 (Configuration & Change Management) bietet detaillierte Anleitung zur Umsetzung. Die Norm fordert konkret:

  • Dokumentierte Verfahren für die Identifikation und Kontrolle von Änderungen
  • Bewertung der Auswirkungen jeder Änderung vor deren Umsetzung (Change Impact Analysis)
  • Rückverfolgbarkeit: Wer hat was wann geändert, aus welchem Grund?
  • Baseline-Management: Definierte, eingefrorene Konfigurationsstände als Referenzpunkte

Die IRIS-Zertifizierung nach den neuen IRIS Rev. 04-Regeln ist seit dem 1. Januar 2024 verpflichtend für alle Audits. Eigentümer der Zertifizierungsregeln ist UNIFE (Union des Industries Ferroviaires Européennes).

Konfigurationsmanagement und Änderungskontrolle sind in der ISO 22163:2023 zu einem gemeinsamen Unterabschnitt zusammengefasst worden. Ein Signal, dass die Norm Änderungsverfolgung als integralen Bestandteil der Konfiguration versteht, nicht als separaten Prozess.

DQS Global, IRIS Revision 04: Was bringt die neue ISO 22163:2023?

Quelle: DQS Global, IRIS Revision 04

INCOSE und SEBoK: Systems Engineering Best Practices

Jenseits der bahnspezifischen Normen gibt es das INCOSE Systems Engineering Body of Knowledge (SEBoK), das allgemeine Prinzipien für Requirements Management formuliert. Vier davon sind direkt auf die Revisionsverfolgung anwendbar:

  • Baselining: Genehmigte Anforderungen werden als Baseline eingefroren. Änderungen erfordern eine formale Begründung und Auswirkungsanalyse.
  • Bidirektionale Rückverfolgbarkeit: Jede Anforderung muss zu Betriebsszenarien, Risiken, verwandten Anforderungen und Verifikationsartefakten rückverfolgbar sein.
  • Änderungskontrolle: INCOSE empfiehlt, den Change-Control-Prozess „early in the effort“ zu etablieren, nicht erst wenn die erste Revision kommt.
  • Lieferantenintegration: Änderungen müssen über „multiple levels in the architecture hierarchy (including suppliers)“ bewertet werden. Ein Punkt, der bei OEMs mit 10.000+ Zulieferern besonders relevant ist.
Weitere Standards: RISSB und EIA-649

Die australische RISSB (Rail Industry Safety and Standards Board) hat eine eigene Richtlinie für Konfigurationsmanagement bei Bahnauftragnehmern veröffentlicht, die fünf miteinander verknüpfte CM-Funktionen definiert. Das Cross River Rail-Projekt in Brisbane (Australien) verlangte zusätzlich die Einhaltung von EIA-649-C, ISO/IEC/IEEE 15288 und ISO 10007 . Ein Beispiel dafür, wie sich in der Praxis mehrere Standards überlagern.

Werkzeuge für die Revisionsverfolgung

Die Werkzeuge reichen von manuellen Ansätzen bis zu integrierten ALM-Systemen. Die Wahl bestimmt, wie viel Arbeit bei einer Revision automatisch mitgenommen wird und wie viel manuell nachgezogen werden muss.

Word/PDF: Redline-Vergleich

Microsoft Word bietet eine eingebaute Funktion zum Dokumentenvergleich („Dokumente vergleichen“), die Änderungen als Redline markiert. Für Freitext-Dokumente ist das ein erster Anhaltspunkt, aber bei strukturierten Anforderungslisten stößt der Ansatz an seine Grenzen: Word vergleicht Text, nicht Anforderungen. Eine verschobene Anforderung wird als Löschung + Neuanlage angezeigt, nicht als Verschiebung. Es gibt keine Möglichkeit, die bisherige Klassifizierung oder den Expertenkommentar automatisch auf die neue Version zu übertragen.

Excel: Formeln und SVERWEIS

In Excel-basierten Workflows lässt sich der ID-basierte Vergleich über SVERWEIS-Formeln (VLOOKUP) realisieren: Die IDs der alten Revision werden gegen die neue abgeglichen, Textunterschiede über EXACT-Formeln erkannt. Dieser Ansatz funktioniert, ist aber fragil (Spaltenverschiebungen, Formatierungsänderungen) und erzeugt keine dauerhafte Änderungshistorie. Bei der nächsten Revision muss die Formellogik neu aufgesetzt werden. Der CONTACT Software Blog stellte bereits 2014 fest, dass viele kleinere Zulieferer in der Bahnindustrie Anforderungen noch per Excel austauschen. Daran hat sich seitdem nur langsam etwas geändert.

IBM DOORS: Baselines und Change Impact

IBM DOORS (Dynamic Object Oriented Requirements System) ist der De-facto-Standard in regulierten Branchen, seit den 1990er Jahren. Das System bietet native Unterstützung für Baselines , also eingefrorene Snapshots eines Anforderungsstandes, die als Referenz für spätere Vergleiche dienen. Die Baseline-Vergleichsfunktion zeigt für jede Anforderung den exakten Unterschied zwischen zwei Ständen, inklusive Attributänderungen.

In DOORS Classic werden Baselines auf Modulebene erstellt, ein Modell, das sich über mehr als zwei Jahrzehnte bewährt hat. IBM DOORS Next (DNG) verfolgt einen anderen Ansatz: Baselines werden auf Komponenten- oder Projektebene erstellt, was bei großen Projekten mit mehreren Subsystemen Vorteile bietet. Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Rail Projects Victoria (Melbourne) wählte DOORS Next als SaaS-Lösung für das Metro Tunnel Project, um Anforderungen über mehrere Projektbeteiligte hinweg zentral zu verwalten.

Siemens Polarion: LiveDoc und Revisions-Vergleich

Siemens Polarion verfolgt mit der LiveDoc-Funktionalität einen dokumentenzentrierten Ansatz: Anforderungsdokumente werden als lebende Dokumente verwaltet, in denen jeder einzelne Absatz eindeutig identifizierbar und rückverfolgbar ist. Jede Änderung erzeugt automatisch einen Version History Record, und Document Baselines können an definierten Punkten (z. B. nach Freigabe) erstellt werden. Für jede Baseline generiert Polarion automatisch einen Link zur LiveDocs Compare View, die den Unterschied zur vorherigen Baseline zeigt.

Seit 2025 unterstützt Polarion zusätzlich KI-gestützte Anforderungsextraktion, die auch bei unstrukturierten Revisionsdokumenten (PDF, Word) angewendet werden kann.

PTC Codebeamer: Streams und Delta Merge

PTC Codebeamer bietet mit Streams, Baselines und Delta Merge einen Ansatz, der auf Product Line Engineering (PLE) zugeschnitten ist: Stream Baselines erfassen Snapshots aller Projekte innerhalb eines Streams, und Delta Merge ermöglicht die kontrollierte Zusammenführung von Änderungen über Plattformen und Varianten hinweg. Für Multi-Produkt-Ausschreibungen, bei denen dasselbe Lastenheft für verschiedene Fahrzeugvarianten beantwortet werden muss, ist das besonders relevant.

ReqIF: Strukturierter Revisionsvergleich

Das ReqIF-Format (Requirements Interchange Format) eignet sich gut für die Revisionsverfolgung, weil es Anforderungen als strukturierte Datenobjekte mit stabilen IDs und typisierten Attributen transportiert. Zwei ReqIF-Dateien (Rev. A und Rev. B) lassen sich maschinell vergleichen: Anforderung für Anforderung, Attribut für Attribut.

Der Standard wurde 2004 von der Herstellerinitiative Software (HIS) der deutschen Automobilindustrie (Daimler, VW, Porsche, Audi, BMW Group) entwickelt und wird seit 2011 von der OMG gepflegt (aktuell Version 1.2 von 2016, entwickelt von 14 Unternehmen). Das ReqIF Implementor Forum (betrieben von ProSTEP iViP) arbeitet seit 2018 an regelmäßigen Benchmarks zur Interoperabilität. Der sechste Benchmark (2024) umfasste 56 Systemkombinationen und 2.800 Evaluierungskriterien.

Eine wichtige Einschränkung: ReqIF selbst kennt kein Konzept für den Austausch einer Änderungshistorie oder von Änderungskommentaren. Der Vergleich muss daher auf Toolebene geschehen: Zwei ReqIF-Dateien werden verglichen, aber die Historie wird nicht im Format selbst transportiert. Für Workflows, die eine kumulative Änderungshistorie über mehrere Revisionen benötigen, ist das eine Lücke, die durch das empfangende Werkzeug geschlossen werden muss.

Weitere Werkzeuge

Visure Requirements liefert Templates für EN 50126-Compliance und verknüpft Anforderungen, Tests, Risiken und Artefakte durchgängig. Für die Risikoanalyse bei Anforderungsänderungen sind PHA und FMEA integriert. Jama Connect setzt auf „Live Traceability“: Wenn sich eine Upstream-Anforderung ändert, werden alle Downstream-Elemente automatisch als „suspect“ markiert. Das beschleunigt die Change Impact Analysis spürbar.

Praxistipp: Baseline vor jeder Revision sichern
Unabhängig vom Werkzeug gilt: Vor dem Import einer neuen Lastenheft-Revision sollte der aktuelle Bearbeitungsstand als Baseline gesichert werden, mit allen Klassifizierungen, Kommentaren und Zuweisungen. Nur so lässt sich nach dem Delta-Abgleich zuverlässig feststellen, welche bisherige Arbeit übernommen werden kann und wo Nacharbeit nötig ist. Das SEBoK formuliert es so: Baselines ermöglichen es, „budgets and schedules as well as the impact (technical, cost, and schedule) of any proposed changes“ zu analysieren. In IBM DOORS und Polarion ist das ein Klick. In Excel bedeutet es: Kopie der Datei mit Zeitstempel speichern.

Arbeit übertragen: Die Kernfrage bei Revisionen

Die Delta-Erkennung ist nur der erste Schritt. Die eigentliche Frage ist: Wie viel der bisherigen Arbeit kann übernommen werden?

Unveränderte Anforderungen → Arbeit 1:1 übertragbar0%
Redaktionell geändert → Arbeit prüfen, meist übertragbar0%
Inhaltlich geändert → Neubearbeitung durch Fachexperten0%
Neue Anforderungen → Vollständig neue Bearbeitung0%
Gelöschte Anforderungen → Als obsolet markieren0%

Typische Übertragbarkeit der bisherigen Arbeit nach Änderungstyp (qualitative Einschätzung, variiert je nach Revision).

In der Praxis sind 60–80% der Anforderungen zwischen zwei Revisionen unverändert, und die bisherige Arbeit kann also für den Großteil direkt übernommen werden. Das Bidara Research beziffert die Content-Wiederverwendungsrate bei Ausschreibungen branchenübergreifend auf 66%. In der Bahnindustrie dürfte dieser Wert zwischen Revisionen noch höher liegen, da substanzielle Änderungen in der Regel nur einen Teil der Anforderungen betreffen.

Die Frage ist, ob das Werkzeug diese Übernahme unterstützt oder ob der Angebotsmanager die Klassifizierungen und Kommentare manuell in die neue Version kopieren muss. In ALM-Systemen wie DOORS oder Polarion sowie in spezialisierten Plattformen wie Tendric kann die Arbeitsmigration weitgehend automatisiert werden. In Excel-Workflows bedeutet sie Copy-Paste über hunderte Zeilen, mit dem Risiko, dass dabei Zuordnungen verrutschen.

Der Diff-Ansatz: Was die Softwareentwicklung lehrt

In der Softwareentwicklung ist Versionsverfolgung ein gelöstes Problem. Werkzeuge wie Git verwalten Millionen von Textänderungen über tausende von Dateien, erkennen Konflikte automatisch und ermöglichen parallele Bearbeitung durch hunderte Entwickler. Die Kernkonzepte (Commits, Diffs, Branches und Merges) sind direkt auf das Anforderungsmanagement übertragbar:

Software-Versionskontrolle (Git)
Anforderungs-Versionskontrolle (ReqIF/DOORS)
Jede Datei hat eine eindeutige Identität (Pfad)
Jede Anforderung hat eine eindeutige ID
Jede Änderung wird als Diff gespeichert (was vorher, was nachher)
Jede Änderung wird als Attributänderung gespeichert
Baselines = Commits: eingefrorene Stände mit Zeitstempel und Autor
Baselines: eingefrorene Anforderungsstände als Referenz
Branches: parallele Bearbeitung, die später zusammengeführt wird
Parallele Bearbeitung: Besteller ändert das Lastenheft, Anbieter das Pflichtenheft
Merge-Konflikte: System erkennt widersprüchliche Änderungen automatisch
Delta-Report: System zeigt neue, geänderte und gelöschte Anforderungen
Vollständige Historie: Jeder Zustand ist jederzeit wiederherstellbar
Baseline-Historie: Vergleich zwischen beliebigen Revisionsständen möglich

Der wesentliche Unterschied: In der Softwareentwicklung ist Versionskontrolle Standard seit den 1990er Jahren. Im Anforderungsmanagement der Bahnindustrie befinden sich viele Unternehmen noch in der Phase, in der Softwareentwickler vor der Einführung von CVS und Subversion standen: mit manuell nummerierten Dateikopien und der Hoffnung, dass niemand aus Versehen die falsche Version überschreibt. Der CONTACT Software Blog dokumentierte, dass selbst die Deutsche Bahn ein datenbankbasiertes Requirements-Management-System erst um 2012/2013 einführte.

KI und Delta-Erkennung

Laut dem Loopio 2025 RFP Response Trends Report nutzen branchenübergreifend bereits 68% der Proposal-Teams generative KI, eine Verdopplung gegenüber 34% im Jahr 2023. In der Bahnindustrie steht dieser Wandel größtenteils noch bevor. Für die Revisionsverfolgung gibt es drei Ansatzpunkte:

  • Unstrukturierte Dokumente: Wenn der Besteller die Revision als PDF oder Word-Dokument liefert (ohne stabile IDs oder ReqIF), kann KI den Freitext analysieren und versuchen, Anforderungen zwischen Versionen semantisch zuzuordnen, auch wenn sich Formulierungen geändert haben oder Anforderungen verschoben wurden. Siemens Polarion bietet seit 2025 genau diese Funktionalität an. Auch PTC hat 2026 neue KI-Funktionalität für Codebeamer angekündigt.
  • Änderungsbewertung (Triage): KI kann vorschlagen, ob eine Textänderung substanziell ist (geänderte technische Anforderung, neue Norm-Referenz) oder redaktionell (Umformulierung ohne inhaltliche Auswirkung). Statt dass ein Experte 83 geänderte Anforderungen einzeln prüfen muss, kann KI die 15 substanziellen Änderungen priorisieren.
  • Kaskadenanalyse: KI kann Querverweise zwischen Anforderungen analysieren und automatisch identifizieren, welche unveränderten Anforderungen von einer geänderten Anforderung indirekt betroffen sein könnten. Ähnlich dem „suspect“-Mechanismus in Jama Connect, aber auf semantischer statt auf expliziter Verknüpfungsebene.
KI ersetzt nicht die strukturierte Datenhaltung
KI ist am wertvollsten dort, wo strukturierte Daten fehlen, also beim Vergleich unstrukturierter Dokumente. Wo stabile IDs und ReqIF vorliegen, ist der deterministische ID-basierte Vergleich schneller, zuverlässiger und nachvollziehbarer als jeder probabilistische KI-Ansatz. Die beste Strategie: Besteller für strukturierte Formate gewinnen (langfristig) und KI als Brückenlösung für unstrukturierte Inputs nutzen (kurzfristig).

Praxis-Workflow: Revision in 5 Schritten

Ein strukturierter Umgang mit Revisionen lässt sich in fünf Schritten zusammenfassen. Dieser Workflow basiert auf den Prinzipien des INCOSE SEBoK und ist kompatibel mit den Anforderungen von EN 50126 und ISO 22163:2023:

1
Baseline sichern

Aktuellen Bearbeitungsstand einfrieren — alle Klassifizierungen, Kommentare und Expertenzuweisungen bleiben erhalten. In DOORS/Polarion: Baseline erstellen. In Codebeamer: Stream Baseline. In Excel: Datei mit Versionsnummer kopieren. Dieser Schritt ist gemäß ISO 22163:2023 Abschnitt 8.1.4 verpflichtend.

2
Delta-Analyse durchführen

Neue Revision gegen die gesicherte Baseline vergleichen. Ergebnis: Liste aller neuen, gelöschten, geänderten und unveränderten Anforderungen mit Details. Bei strukturierten Formaten (ReqIF): automatischer ID-basierter Vergleich. Bei unstrukturierten Formaten (PDF/Word): KI-gestützte semantische Zuordnung.

3
Arbeit migrieren

Für unveränderte Anforderungen: Klassifizierung, Kommentar und Quellenangabe aus der Baseline übernehmen. Für geänderte: bisherige Arbeit als Ausgangspunkt behalten, aber zur Neuprüfung markieren. Änderungsbegründung dokumentieren (INCOSE: „rationale why the change is necessary“).

4
Neue und geänderte Anforderungen bearbeiten

Neue Anforderungen durch den normalen Routing-Prozess schleusen (LH-Kategorie, Fachexperte, Frist). Geänderte Anforderungen an die ursprünglichen Fachexperten zurückgeben mit Hinweis auf die spezifische Änderung. Bei Änderungen an Normenreferenzen: Compliance-Experten einbeziehen.

5
Konsistenzprüfung und Change Impact Analysis

Prüfen, ob die Änderungen Auswirkungen auf benachbarte Anforderungen haben. Wurden Schnittstellenanforderungen geändert? Betreffen die Änderungen Normenreferenzen, die auch in anderen Anforderungen vorkommen? Ergebnis dokumentieren und als Nachweis für EN 50126-Compliance archivieren.

Fazit

An der Revisionsverfolgung zeigt sich, wie gut der Anforderungsmanagement-Prozess eines Unternehmens tatsächlich funktioniert. Wer Anforderungen mit stabilen IDs, strukturierten Formaten und sauberen Baselines verwaltet, verarbeitet eine neue Revision in Stunden. Wer auf manuelle Dokumentenvergleiche angewiesen ist, verliert Tage und riskiert, substanzielle Änderungen zu übersehen.

Regulatorisch gibt es keinen Spielraum: EN 50126 verlangt lückenlose Rückverfolgbarkeit, ISO 22163:2023 hat Konfigurationsmanagement und Änderungskontrolle in Abschnitt 8.1.4 zusammengefasst, IRIS Rev. 04 ist seit 2024 verpflichtend.

Das Werkzeug und der Prozess für den Umgang mit Revisionen müssen stehen, bevor die erste Anforderung klassifiziert wird. VDB-Leitfaden und EuroSpec liefern die Standards, ReqIF das Austauschformat, DOORS, Polarion, Codebeamer und spezialisierte Plattformen wie Tendric die technische Infrastruktur. KI hilft dort, wo strukturierte Daten fehlen. Aber sie ersetzt nicht die Grundlage: stabile IDs, saubere Baselines, dokumentierte Änderungshistorie.

Key Takeaways
  • Lastenheft-Revisionen sind in der Bahnindustrie die Regel, nicht die Ausnahme — bei großen SPNV-Ausschreibungen typischerweise 3–5 Revisionen zwischen Erstveröffentlichung und Vertragsabschluss.
  • Die Kosten spät erkannter Änderungen steigen exponentiell (Boehm: Faktor 10–100). Eine übersehene Änderung in der Angebotsphase kann die Zulassung gefährden.
  • Der ID-basierte Vergleich ist die zuverlässigste Methode. Der VDB-Leitfaden empfiehlt ReqIF für den elektronischen Austausch, inklusive automatisierter Änderungsmarkierung.
  • EuroSpec definiert ein Attributmodell nach EN 15380-5 (System Breakdown Structure), das subsystemübergreifende Änderungsverfolgung ermöglicht.
  • ISO 22163:2023 vereint Konfigurationsmanagement und Änderungskontrolle in Abschnitt 8.1.4. EN 50126 verlangt Rückverfolgbarkeit über den gesamten RAMS-Lebenszyklus.
  • ProSTEP iViP hat bis 2024 sechs ReqIF-Interoperabilitäts-Benchmarks durchgeführt (56 Systemkombinationen, 2.800 Kriterien) — Fortschritte, aber noch Interoperabilitätslücken.
  • 60–80% der Anforderungen bleiben zwischen Revisionen unverändert. Strukturierte Werkzeuge wie DOORS, Polarion oder Tendric ermöglichen automatische Übernahme der bisherigen Arbeit.
  • KI ergänzt den Prozess bei unstrukturierten Dokumenten und Triage, ersetzt aber nicht den deterministischen ID-basierten Vergleich bei strukturierten Daten.
t
tendric Redaktion

Das tendric-Team entwickelt KI-gestützte Werkzeuge für die Ausschreibungsbearbeitung in der Industrie. Wir schreiben über Best Practices, Branchentrends und die Zukunft des Angebotsmanagements.

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